Auch die Veronika-Episode ist reich an Anregungen. Das Evangelium weiß nichts von der frommen Frau, deren Namen als Veronika, Vera icon, „wahres Bild“ überliefert wird. Entschlossen und zugleich voll Mitleid bahnt sie sich einen Weg durch die Menge und reinigt das mit einem Tuch, in welchem dann das „Haupt von Blut und Wunden“, die vera icon des Erlösers eingeprägt bleibt.
„Sie lässt sich von der Brutalität der Soldaten nicht anstecken, von der Angst der Jünger nicht lähmen. Sie ist das Bild der gütigen Frau, die in der Verstörung und Verfinsterung der Herzen den Mut der Güte behält, ihr Herz nicht verfinstern lässt.“ (Ratzinger, Kreuzweg am Kolosseum, Karfreitag 2005, 6. Station) Mitleid, Erbarmen – und auch Zivilcourage. Man möchte diese Veronika zur Schutzheiligen all jener nehmen, die mutig angehen gegen den Strom öffentlicher Launen, ideologischer Trends und banaler Moden.
Im Kontrast zur beherzten Tat der Veronika stehen in der 8. Station die weinenden Frauen am Rande von Jesu Leidensweg. Sie stimmen nicht ein in den Chor der tobenden Gaffer im Zug. Aber wir ahnen, wie wenig „Betroffenheit“ gilt, wenn sie über gefühliges Klagen nicht hinausreicht.
Die Begegnung des kreuztragenden Herrn mit der Mutter mündet ein in das Stehen Mariens zu Füssen des Kreuzes: „Die Jünger sind geflohen, sie flüchtet nicht. Sie steht da mit dem Mut der Mutter, mit der Treue der Mutter, mit der Güte der Mutter und mit ihrem Glauben, der in den Finsternissen widersteht.“ (Ratzinger, Kreuzweg am Kolosseum, Karfreitag 2005, 4. Station)
Mit Maria zusammen begleitet der Beter den Herrn bis an sein Grab. „Und es ist uns, als wetterleuchte schon die nahende Osterherrlichkeit um den stillen Ort.“ (Romano Guardini, Kreuzweg)