Baum des Lebens


In vielen mittelalterlichen Darstellungen sieht man in einem Hohlraum unter dem Kreuz einen Schädel: der Schädel Adams. Das Bild will den tiefen Zusammenhang zwischen Adam und Christus, dem ersten und dem vollendeten Menschen, betonen. Nach der Legende habe der todkranke Adam sich eine Frucht der Unsterblichkeit vom paradiesischen Baum des Lebens holen lassen, aber ihm sei nur ein Samen gegeben worden. Aus diesem Samen wurde ein Baum, aus dem Holz dieses Baumes zimmerten die Schergen das Kreuz Christi. Und dieser Baum wird oft als Baum des Lebens dargestellt, voller Blätter und Früchte.


Eine der gewaltigsten Darstellung des heiligen Geschehens am Karfreitag ist der Isenheimer Altar von Matthias Grünewald. Der Leib Christi ist von eitrigen Wunden übersät - so realistisch wie die Wunden der Pestkranken von damals. Und alle, die zu Füßen des Kreuzes stehen, ringen die Hände: die Gottesmutter, Maria Magdalena, der Jünger Johannes. Nur Johannes der Täufer erscheint abgehoben, außerhalb des historischen Augenblicks stehend. Er war nicht Zeuge der Passion, sondern ihr prophetischer Verkünder, wie das Lamm zwischen ihm und dem Kreuz versinnbildet. Sein gestreckter Finger zeigt auf den Gekreuzigten und auf das aufgerichtete Kreuz mit einer Geste, die allen Menschen aller Zeiten gilt. Das am Karfreitag aufgerichtete Kreuz ist Gnade, die den verkrümmten Menschen aufrichtet.


Die Frage nach Ursprung und Sinn des Leidens bewegt die Menschen seit jeher. Wir schauen auf das Kreuz Christi. Der Felsen, auf welchem es aufragt, ist der Felsen, der uns trägt: „Erhör, o Gott, mein Flehen, hab auf mein Beten Acht. Du sahst von fern mich stehen, ich rief aus dunkler Nacht. Auf eines Felsen Höhe erheb mich gnädiglich. Auf dich ich hoffend sehe: du lenkst und leitest mich. Du bist gleich einem Turme, den nie der Feind bezwang. Ich weiche keinem Sturme, bei dir ist mir nicht bang. In deinem Zelt bewahren willst du mich immerdar. Mich hütet vor Gefahren dein schirmend Flügelpaar.“ (Gotteslob 302 - Von Edith Stein nach Psalm 61 gedichtet)


Das erhobene Kreuz

Wie oft bezeichnen wir uns mit dem Zeichen des Kreuzes! Wir bekräftigen damit unser Ja zum eigenen Kreuz und erkennen im Licht des Glaubens unsere Bedrängnisse und Nöte als mit der Not Christi - mit seinem Kreuz - verbunden. Der Glaube sagt uns, dass wir all diese Nöte in einem - wenn auch bisweilen dunklen und uns unbegreiflichen - Zusammenhang mit dem Kreuz, mit Christi Leiden und Schmerz, sehen sollen.


Darin liegt der Kern der Nachfolge: Sich Christus mit allem nähern, was einer hat - auch mit den eigenen Plagen und Lasten; und dann entdecken, dass die Lasten nicht wegfallen, aber doch aufhören, bedrückend zu sein, weil sie mit dem Joch Christi einswerden. Unser Leiden verbindet sich mit dem Leiden am ersten Karfreitag als geheimnisvolle Zuwendung Gottes zu seinen Geschöpfen. Das Kreuz Christi damals und das eigene Kreuz heute vereinen Unerbittlichkeit und Gnadenhaftigkeit: Tod und Leid, Unglück und Ungerechtigkeit, Verlassenheit und Not erhalten keine Erklärung, als ginge es um ein Ideensystem, aber einen Sinn: „er hat mich geliebt und sich für mich hingegeben.“ (Gal 2,20)


„In der Tragödie des Leidens Christi erfüllen sich unser eigenes Leben und die Geschichte der ganzen Menschheit. Die Karwoche kann nicht bloße Erinnerung sein, denn sie führt uns das Geheimnis Christi vor Augen, das sich in unseren Seelen fortsetzt (hl. Josefmaria Escrivá, Christus begegnen, 96)

Matthias Grünewald - Der Isenheimer Altar des Antoniterklosters in Isenheim (heute in Colmar)