Erntedank im eigenen Leben


Streng genommen ist das „Erntedankfest“ kein liturgisches Fest. Denn „in der Liturgie der Kirche bezeichnet und verwirklicht Christus vor allem sein Pascha-Mysterium“ (Katechismus der katholischen Kirche, 1085).


Aber natürlich gibt es das Fest „Erntedank“ in einem weiten Sinne. Meistens wird es am ersten Sonntag im Oktober gefeiert. Jedoch kann das Datum je nach der geographischen Breite bis hin in die Nähe des Martinstages am 11. November geraten. So heißt an manchen Orten der erste Wein eines Jahrgangs „Martinsminne“.


Unser Alltagsleben kennt viele Gestalten der Dankbarkeit gegen Gott, vom Tischgebet bis zu der brennenden Kerze vor einem Bild unserer Lieben Frau oder eines Heiligen. Solche Bräuche können helfen, im eigenen Leben Gründe zum Dank zu entdecken: „Gewöhne dich daran, dein Herz viele Male während des Tages in Dankbarkeit zu Gott zu erheben. - Weil Er dir dies und jenes gibt. - Weil man dich verachtet hat. - Weil du das Notwendige hast, oder weil du es nicht hast.
Weil Er seine Mutter, die auch deine Mutter ist, so schön gemacht hat. - Weil Er die Sonne geschaffen und den Mond und dieses Tier und jene Pflanze. - Weil Er jenen Menschen so beredt geschaffen hat und dich so schwerfällig im Wort... Sage Ihm Dank für alles, denn alles ist gut.“ (hl. Josefmaria Escrivá, Der Weg 268)


Die Liturgie der Kirche ist ganz Gotteslob und –dank. Sie greift die Anregungen der Natur und erhebt sie ins Sakrale. Die heilige Messe selbst - "Eucharistie", d.h. Dank, Dankgebet - ist ein Erntedankfest. Der Priester erhebt die Patene mit der Hostie und betet dabei: "Du schenkst uns das Brot, die Frucht der Erde und der menschlichen Arbeit...".


Das Erntedankfest ist eine sympathische Art, der Natur nahe zu sein, ohne sie zu vergötzen und ohne in sie aufzugehen. Die Theologie der Schöpfung wird im eigenen Leben konkret.

um sie im Wissen, dass sie Gabe Gottes an uns sind, kein bloßes Verfügungsmaterial. Sie besitzen -  wenn auch keine "Würde" -, so doch ihr von Gott gegebenes eigenes Sein und Wesen.


Christen haben viel tiefere Begründungen für den Umwelt- und Naturschutz als manche kurzatmige, pantheistisch angehauchte Argumente, die nach Gleichmacherei riechen und - konsequent gedacht - am Ende sich gegen den Menschen wenden könnten. Indem wir die Natur als unser Mitgeschöpf betrachten, sind wir vor der Gefahr gefeit, sie zu vergöttlichen. Vielmehr erkennen wir dankbar, dass wir sie überschreiten. Wir sind mehr als ein Stück Materie.


Geschichte in der Zeit, nicht bloß Dauer


Unser Leben richtet sich nicht nach dem Zeitmaß der blinden Naturkräfte wie beim Kreislauf der Gestirne und der Jahreszeiten. Unsere Zeit ist verschieden von der bloßen Dauer der Natur. Wir haben Geschichte, unwiederholbar. Wir sind wirklich unterwegs, nicht ziellos, sondern auf Gott hin geschaffen und zur vollen Teilnahme an seinem Leben berufen. Deshalb dürfen wir rückblickend danken und können in die Zukunft blickend hoffen.


Dennoch: Kann man zu einer Zeit, da man im Supermarkt und per Internet einkauft, für die Gaben der Natur danken? Sicher erfordert dies Gespür für Innerlichkeit und Tiefe. Danken kann nur ein Mensch, der sich als Empfangender versteht, nicht als Macher. Der Macher ist versucht, auch sich selbst zu "machen" - Gesundheit wie Heil.  Im Gegensatz zu dieser verkrampften, schwerfälligen, erstickenden Haltung steht die Einstellung desjenigen, der weiß, er wird nicht als Besitzschaffender, sondern als Bedürftiger geliebt.

Wie kann man zu dieser Zuversicht gelangen? Wie dem geistlosen Machen entkommen? Ein Weg dazu dürfte sein, "Selbstverständliches" - die kleinen Dinge des Alltags - mit neuen Augen zu sehen. Wahrscheinlich geht uns dann auf, dass es Vieles gibt, wofür wir danken können. Meistens entdecken wir dies im Umgang mit anderen: eine freundlich gegebene Auskunft, die gewährte Gastfreundschaft, der unerwartete Gruß am Namenstag oder am Geburtstag... Das floskelhafte „Vielen Dank“ wird dann zum geistigen Ein- und Ausatmen.

Rückblick auf das Erntedankfest


Weder ein schier mystischer Sonnenuntergang noch ein herbstlich feurig glühender Wald können den Dank entgegennehmen, den wir uns gedrängt fühlen herauszuschreien. Sie sind kein „Jemand“. „Die Natur“ mag in Büchern und Fernsehsendungen "planen" und "entwerfen". Sprechen können wir aber nicht mit ihr. Und ihr danken genauso wenig.


Die Erde hat ihre Frucht gebracht. Gott, unser Gott hat uns gesegnet (Ps 67 ,7). Wie menschlich ist die Reaktion des Psalmisten! Nicht bloß feststellen, dass die Früchte der Erde „da sind“, sondern dankbar den Schöpfer erspüren. Mit ihm können wir wohl sprechen – uns aussprechen.


Worüber? Sicher auch über die Schönheit der Natur. G.K. Chesterton bemerkt, geistreich wie immer: „Die Natur ist nicht unsere Mutter, sie ist unsere Schwester. Auf ihre Schönheit können wir stolz sein, da wir denselben Vater haben; Gewalt jedoch hat sie nicht über uns.“


Wir erkennen uns dankbar als Bild und Gleichnis Gottes. Dazu gehört die Herrschaft über den Dingen der Natur und die Fürsorge

Schöne kleine Schwester Natur